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Fortsetzung:
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Im Jahre 1889
kaufte Anton Weiß das Haus „Vlotho Nr.141“ - ab 1910 war es
Weserstraße Nr. 3 und seit den 1980er Jahren nun Klosterstraße
Nr. 3. Das Hauptgebäude, ein heruntergekommener Fachwerkbau,
wurde sofort abgerissen. Der kleine Nebenbauflügel - ebenfalls
Fachwerk - blieb vorerst stehen und ist auch heute noch
erhalten. Dort im Anbau richtete Weiß im Obergeschoss seine
Drechslerwerkstatt und auf dem Boden das Holzlager ein. |

Zunftzeichen der
Drechsler
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Eine Ansichtskarte
der Weserstraße, die 1910 im Umlauf war. Das weiße Gebäude ist
das bekannte Uhrengeschäft von Carl Knöner. Links davon ist das
Haus Weserstraße 3, in dem Anton Weiß wohnte und seine
Drechslerei untergebracht war. Bis 1927/28 hatte es dieses
Aussehen. Dann wurde es dreistöckig umgebaut, so wie wir es
heute kennen. Es folgt das Textilgeschäft Hugo Finkhäuser.
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Auf den unversehrt
gebliebenen Fundamenten des Hauptgebäudes errichtete Weiß im Jahre 1889
ein massives, zweigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus. Während die
Familie das Obergeschoß als Wohnung bezog, eröffnete Weiß im Erdgeschoss
– zur Straßenseite gelegen - ein kleines Ladengeschäft für Lederwaren,
Musikinstrumente, Schirme, Pfeifen und Tabakwaren. 1909 kaufte Weiß ein
im Hof stehendes Gebäude hinzu. Hierhin siedelte er mit seiner Werkstatt
um und konnte nun wegen der Größe seinen Maschinenpark erweitern. 1910
richtete er dort im Obergeschoss und auf dem Boden sein neues Holzlager
ein. |
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Im Jahre 1920 baute Weiß
das Ladengeschäft um und nahm einen weiteren kleinen Raum, der direkt an
das Ladengeschäft angrenzte, als kleine zusätzliche Reparaturwerkstatt
hinzu. Hier stellte er seine alte Tretdrehbank, die noch aus Vlothos
stromloser Zeit stammte, auf und nutzte diesen Raum ausschließlich für
Schirm- und Stockreparaturen, vornehmlich in den späten Abendstunden,
aber auch an Sonn- und Feiertagen.
In den Jahren 1927/28
stockte Anton Weiß das Gebäude mit einem 2. Obergeschoss zur
Wohnnutzung für die Familie seines Sohnes Albert Weiß auf. 1929 verstarb
Anton Weiß plötzlich und sein Sohn Albert übernahm das Unternehmen.
In den folgenden Jahren verschlechterte sich die wirtschaftliche
Situation – unter anderem auch als Folge der
Weltwirtschaftskrise – zusehends. Ende 1935 kam es zur
Versteigerung |
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Im Hause
Klosterstraße Nr. 3 befindet sich heute der Ausstellungsraum der
Künstlerin Irmgard
Felthaus-Pricker.
Die Bilder können
käuflich erworben werden. Foto: 2017
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der Immobilie samt aller Gebäudeteile
- belastet mit den Krediten für die vorhergehenden Baumaßnahmen. |
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Neuer Eigentümer des
Grundstücks Vlotho, Weserstr. 3 wurde durch Zuschlag in der
Versteigerung der aus Eisbergen stammende Sattler- und Polsterermeister
Heinrich Korff. Dieser beabsichtigte die Immobilie zur Eröffnung eines
Sattlerei- und Polsterei-Unternehmens zu nutzen. Doch Heinrich Korff
verunglückte vor seinem Umzug nach Vlotho tödlich. So zogen seine Witwe
Luise Korff, geb. Schürmann (aus der Bäckerei Schürmann vom Oelbrink)
und deren Sohn Heinrich - genannt Heinz - Korff allein in das Haus
Weserstr. 3 ein.
Auch der Geselle von Albert
Weiß, Heinrich Bärenfänger (Lehre in Adorf/Waldeck – heute Gemeinde
Diemelsee in Hessen) war an dem zu ersteigernden Objekt sehr
interessiert. Doch gelang es ihm nicht, das Haus zu erstehen. Lediglich
das Inventar der Werkstatt ging für einen Preis von 375 Mark
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1935
ersteigerte H. Bärenfänger die Bandsäge von Albert Weiß. |
in seinen Besitz über,
komplett mit allen
vorhandenen Maschinen und
Handwerkszeugen.
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Heinrich Bärenfänger
(*1909 †1983), der im November 1928 als Geselle bei Anton Weiß eintrat
und 1934 in Korbach (Waldeck) seine Meisterprüfung absolvierte,
mietete von der neuen Eigentümerin sowohl die Werkstatträume* als auch
das Erdgeschoss des Hauptgebäudes. Im März 1936 konnte Heinrich
Bärenfänger die Drechslerwerkstatt unter seinem Namen wiedereröffnen.
Dabei hatte er den Kundenstamm der alten Drechslerei Weiß vollständig
übernehmen können. Gefertigt wurden nun vornehmlich Stuhl- und
Tischbeine sowie sonstige Möbelteile für hiesige Tischler und im Umkreis
bis zu 100 km ansässige Möbel- und Lampenhersteller.
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*ca.
ab 1950/51 wurde einvernehmlich ein Teil des 1.Obergeschosses
des Werkstattgebäudes von der Vermieterin an die nebenan im
Hause Finkhäuser ansässige Firma Elektro Gawehn zur
Nutzung als Elektro-Reparaturwerkstatt überlassen, für die der Zugang
über eine neu errichtete Außentreppe erfolgte. |
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Heinrich
Bärenfänger bei der Arbeit an der Drechselbank. Foto: 1957 |
Orgel in der St.-Stephans-Kirche.
Gut zu erkennen: Registerknöpfe. Foto: 2012 |
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Schon im August 1936 folgte
die Wiedereröffnung des Ladengeschäftes. Das breitgefächerte Sortiment
des Geschäftes umfasste damals – und das weiterhin bis in die sechziger
Jahre - Lederwaren, Schirme und Stöcke, Tabakwaren und Pfeifen sowie
Musikinstrumente. Im Jahr 1939 ehelichte Heinrich Bärenfänger seine Frau
Emma (*1913 † 1991) geb. Schnatz, mit der er die übrigen Räume im
Erdgeschoß des Hauptgebäudes als Wohnung |
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bezog.
In den Jahren nach dem
Zweiten Weltkrieg bis zur Währungsreform 1948 fertigte Heinrich
Bärenfänger überwiegend Spinnräder, die
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die Bauern zum Verspinnen von Wolle benötigten, damit sie Stoffe für den
täglichen Gebrauch weben konnten. Später wurden nur noch spezialisierte
Einzelanfertigungen hergestellt, insbesondere Registerknöpfe in |
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Ebenholz und Elfenbein für die Orgelbauanstalt Steinmann in
Wehrendorf, die unter
anderem auch die St.-Stephans-Kirche
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Diese
Registerknöpfe mit der Elfenbeinfront an der St.-Stephans Orgel,
wurden von H. Bärenfänger gefertigt. Foto: 2012 |
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in Vlotho und die ev. Kirche in Valdorf mit ihren Orgeln
ausstattete. |
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Nach dem Kriege, ab 1948
nahm das Ladengeschäft stetig an Bedeutung zu und bildete schon Anfang
der 1950-er Jahre das wirtschaftliche Standbein des Bärenfänger´schen
Betriebes. Besonders entwickelte sich das Geschäft von nun an mehr und
mehr zu einem Fachgeschäft für Lederwaren und Schirme. Die
Musikinstrumente spielten nur noch eine untergeordnete Rolle und
Tabakwaren durften per Gesetz ab Anfang der 1960er Jahre nur noch in
Spezial-Tabakläden vertrieben werden. |
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Teilansicht einer Penale,
die für die Zigarrenindustrie gefertigt wurden. Jetzt zu
besichtigen im Heimatmuseum. Foto: 2017 |
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Im Jahre 1970 verlagerte
Heinrich Bärenfänger sein Ladengeschäft von der „Weserstraße 3" in
gemietete Räumlichkeiten des Hauses „Lange Straße 132", wo das
umfangreiche Warensortiment wesentlich besser präsentiert werden konnte.
Seit Oktober 1970 betrieb er dort zusammen mit seinem Sohn Helmut, geb.
1940, einem gelernten Raumausstatter, neben dem Lederwaren- und
Schirmfachgeschäft auch eine Gardinen- und Raumausstatter-Abteilung. Und
auch die Drechslerwerkstatt fand dort im Kellergeschoß einen kleinen
Raum, so dass Heinrich Bärenfänger weiterhin seinem erlernten Beruf
nachgehen konnte.
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Heinrich
Bärenfänger
*1909
†1983 |
Emma
Bärenfänger
*1913
†1991
geb. Schnatz |
Helmut
Bärenfänger
geb.
1940
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Wilfried
Bärenfänger
geb.
1944 |
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Aus der Ehe zwischen
Heinrich und Emma Bärenfänger gingen zwei Söhne hervor. Der jüngere
Sohn Wilfried, geb. 1944, wurde Steuerbeamter.
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Zu Beginn des Jahres 1975
übergab Heinrich Bärenfänger sein Geschäft an seinen Sohn
Helmut, der dieses später in die untere Lange Str. 97
verlagerte.
Dadurch bedingt
musste die Drechslerwerkstatt erneut umziehen, und zwar diesmal in die
Kellerräume des Wohnhauses am Garzweg. Dort fertigte Heinrich
Bärenfänger noch bis kurz vor seinem Ableben (1983) seine letzten
Registerknöpfe für die Orgelbauanstalt Steinmann.
Im Jahre 1990 wurden die
Maschinen - die Drehbank, die Bandsäge, die Stand-bohrmaschine und der
Abrichter (auch Hobelmaschine genannt) - sowie die
Drechselwerkzeuge an den Heimatverein übergeben, wo sie seither
zu besichtigen sind. |
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Zwischenzeitlich
ist der Umzug von der Weserstraße an die Lange Straße 132 erfolgt.
Wo
er seine Werkstatt im Keller eingerichtet hatte. Auf dem Arm ein Elefanten-Stoßzahn,
die zur jener Zeit noch frei gehandelt wurden. Foto: 1973
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Stand: April 2017
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Die Drehbank, angetrieben
von einem Elektromotor, der oberhalb an der Wand angebracht war. Zur
Kraftübertragung war ein Lederriemen erforderlich. Die alte Drehbank von
Weiß/Bärenfänger steht heute zur Besichtigung im Heimatmuseum. Auch das
Handwerkzeug vom Meißel bis zur Röhre ist dort ausgestellt.
Foto: 2017
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